Montag, 25 Mai 2020 00:34

Spielbetrieb im LSV

geschrieben von

Hallo Schachfreunde,

erst einmal herzlichen Dank an alle, die sich Gedanken darüber machen, wie es für uns Schachspieler weitergehen kann. Ich finde es auch sehr gut, dass wir nunmehr klare Kriterien haben, unter welchen Bedingungen ein Abbruch der aktuellen Saison erfolgt. Im Grunde freut mich auch, dass im erweiterten Spielleiterausschuss ausschließlich Optimisten am Werk zu sein scheinen. Optimismus ist in Zeiten, wo die Zukunft nur schwer zu prognostizieren ist, immer hilfreich, um Perspektiven zu geben. Man könnte einwenden, dass es letztlich nur für die optimistische Annahme einer Planung bedarf, denn wenn wir nicht spielen dürfen, muss auch nichts geplant werden. Doch zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch ein aus meiner Sicht nicht ganz unwahrscheinliches Szenario: Stell dir vor, wir dürfen wieder spielen und es ist trotzdem nicht klug! Ich erlebe dies momentan schon in folgendem Sinne: Ich darf zwar wieder einen Freund treffen. Ich fände es aber sehr unklug, jeden Tag einen anderen Freund zu treffen. Die Meinungen hierzu werden weit auseinander gehen. Was die einen für völlig übertrieben halten geht den anderen noch nicht weit genug. Meine Haltung liegt irgendwo dazwischen: man sollte auch an Erlaubtes mit Vernunft und Augenmaß herangehen. Unsere Grundrechte werden nicht dauerhaft eingeschränkt bleiben können. Irgendwann werden wir wieder Spiel- und Trainingsbetrieb aufnehmen dürfen. Ich denke jedoch, wir sollten uns zuvor mit der Frage auseinander setzen, ob es wirklich klug ist, dies dann unmittelbar zu tun.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt einen Ruf als Schwarzmaler und Bedenkenträger einhandle, möchte ich nachfolgend den Optimisten etwas entgegenhalten. Ich glaube, wir müssen uns der Tatsache stellen, dass Schach aus virologischer Sicht schon immer eine Risikosportart darstellte und ein Normalbetrieb in Zeiten einer Pandemie daher ausgeschlossen sein sollte. Ausgehend von einer 8er-Mannschaft, sind bei einem Punktspiel mindestens 16 Personen in einem Raum ohne permanenten Luftzug, meist sogar ohne Belüftung, für ca. 4 bis 6 Stunden anwesend. Dass unter diesen Bedingungen selbst Stoffmasken völlig nutzlos wären, dürfte einleuchtend sein. Wie viele unserer Vereinsheime hätten ausreichend Platz, um 8 Bretter im Mindestabstand von anderthalb Metern aufzustellen? Der genannte Mindestabstand dürfte zwischen den sich am Brett gegenüber sitzenden Spielern ebenfalls nur schwer einzuhalten sein. Hängen wir dann eine Plexiglasscheibe über den Brettern auf? Selbst wenn man diese Möglichkeiten hätte, wie wirksam wäre das bei einem Zeitrahmen von vielen Stunden? Wären wir bereit mit Handschuhen zu spielen (denn wir fassen nun mal die gleichen Figuren an)? Aber selbst die Wirkung von Handschuhen wäre bei diesen langen Zeiträumen nicht gegeben. Die für uns Schachspieler üblichen Bedingungen sind ein Paradies für Viren jeglicher Art und ich gebe zu, dass mir die Fantasie fehlt, diese Bedingungen so zu ändern, dass es Viren schwer haben. Schaue ich mir den Altersdurchschnitt in unseren Vereinen an, kommt noch hinzu, dass ein erheblicher Teil von uns zur Risikogruppe gehört. Es gäbe noch nachrangige Probleme wie die Fahrten zum Auswärtsspiel oder Vereine, bei denen mehrere Mannschaften zeitgleich Heimspiel haben. Dafür ließen sich wahrscheinlich Lösungen finden. Für die anderen von mir in den Raum gestellten Probleme erkenne ich keine. Daher sehe ich eine Fortsetzung der Saison nicht als realistisch an und ich sehe noch nicht einmal eine Saison 2020/2021. Meine Befürchtung ist tatsächlich, unsere nächste reguläre Saison lautet 2021/2022.

Die Lockerungen ermöglichen uns wieder, mehr Risiken einzugehen. Für viele ist das schon aus rein ökonomischen Gründen ein Erfordernis. Doch sind wir wirklich alle dazu bereit, neben den erforderlichen Risiken auch nicht erforderliche Risiken einzugehen? Die von der Politik getroffenen Entscheidungen verfolgen mittlerweile das Ziel, die Infektionszahlen klein und Infektionsketten nachvollziehbar zu halten. Es geht nicht mehr primär um das Vermeiden von Infektionen. Damit steht der Gesundheitsschutz nicht mehr um jeden Preis an erster Stelle. Mithin ist auch nicht alles, was erlaubt ist, wirklich unbedenklich. Die Eigenverantwortung steht dann wieder im Mittelpunkt und jeder einzelne sollte dieser Verantwortung gerecht werden.

Falls man sich über alle Bedenken hinwegsetzt und die Saison weiter bestreitet, sollte man sich über folgende Punkte Gedanken machen:

  • Aussetzen der Strafen für freigelassene Bretter (man kann niemand zwingen, unter diesen Umständen zu spielen)
  • Was passiert, wenn eine Mannschaft quarantänebedingt nicht antreten kann (gerade, wenn der Zeitplan sehr eng ist)?

Ich stelle mir immer wieder die Frage, welchen sportlichen Wert ein Saisonabschluss noch hätte. Die Bedingungen für die verbleibenden Spiele werden völlig andere sein, als sie es ohne Corona gewesen wären. Wozu also die Saison fortsetzen und lohnt es sich dafür, die Risiken in Kauf zu nehmen?

Sollte sich hingegen meine Befürchtung bewahrheiten und wir noch nicht so bald wieder am Punktspielbrett sitzen, so lasst uns die Zeit nutzen um in einen breiten Diskurs darüber einzutreten, welche Punkte in unserem Landesverband zu verbessern wären. Mir fielen ein bis zwei bzgl. unserer Ligen ein und noch viel mehr, bzgl. des Einzelspielbetriebs. Lasst uns gute Ideen sammeln und auch möglichst umsetzen!

Hatte ich anfänglich noch gehofft, mich möglichst schnell zu infizieren um dann Dank meiner Immunität wieder alles tun zu können ohne mich und andere zu gefährden, denke ich mittlerweile völlig anders. Zwar weiß man auch bisher noch nicht allzu viel, doch es zeichnen sich mittlerweile auch bei Genesenen jüngeren Alters Langzeitauswirkungen (teils neurologisch) ab, die ich nicht haben möchte. Und entsprechend wird meine persönliche Risikobewertung ausfallen.

Ehrlicherweise erwarte ich nicht, dass eine Mehrheit so denkt wie ich. Aber ich erwarte, dass sich eine Mehrheit mit diesen Gedanken auseinander setzt und nicht einfach blind dem Herdentrieb gefolgt wird.

Betreibt einstweilen unseren schönen Sport online! Bleibt gesund!

 

Ralph Schlosser

 

Gelesen 472 mal Letzte Änderung am Montag, 25 Mai 2020 17:52
Ralph Schlosser

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Schreibe einen Kommentar

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.